Sündenvergebung [ Teil 2 ]

[ Teil 1 ]

Im ersten Teil dieser Arbeit konnten wir bereits feststellen, dass nicht das Blut für die Vergebung der Sünde sorgt und dass die Torah zwischen unabsichtlicher und absichtlicher Übertretung unterscheidet.

 

Unabhängig von diesen klaren Indizien, die gegen die Richtigkeit der Behauptung aus Hebräer 9:22 sprechen, existiert in der christlichen Theologie (sowohl Mainstream als auch Splittergruppen wie „hebrew roots“, „Nazarener“ oder „messianisch“ usw.) die Annahme, dass immer jemand oder etwas (im sogenannten alten Bund waren es Tiere, im sogenannten neuen Bund Jesus) Unschuldiges sterben muss, um mit seinem Blut den Übertreter freizukaufen.

Dieses Konzept wird die „stellvertrende Sühne“ genannt.

 

Erneut sollte ein Blick in den Tanach für Klarheit sorgen.

In Hesekiel Kapitel 33 sind die Worte des Propheten des Ewigen von Israel wie folgt notiert:

 

Hes 33:1  Und das Wort des HERRN geschah zu mir so:

Hes 33:2  Menschensohn, rede zu den Söhnen deines Volkes, und sage zu ihnen: Wenn ich das Schwert über ein Land bringe, und das Volk des Landes nimmt einen Mann aus seiner Gesamtheit und setzt ihn sich als Wächter ein,

Hes 33:3  und er sieht das Schwert über das Land kommen und stösst ins Horn und warnt das Volk,

Hes 33:4  wenn [dann] einer den Schall des Horns hört, sich aber nicht warnen lässt, und das Schwert kommt und rafft ihn weg: so wird sein Blut auf seinem Kopf bleiben.

Hes 33:5  Er hat den Schall des Horns gehört, hat sich aber nicht warnen lassen; sein Blut wird auf ihm bleiben. Doch hat er sich warnen lassen, so hat er seine Seele gerettet.

Hes 33:6  Wenn aber der Wächter das Schwert kommen sieht, und er stösst nicht ins Horn, und das Volk wird nicht gewarnt, und das Schwert kommt und rafft von ihnen eine Seele weg: so wird dieser um seiner Schuld willen weggerafft; aber sein Blut werde ich von der Hand des Wächters fordern.

Hes 33:7  Dich nun, Menschensohn, habe ich als Wächter für das Haus Israel eingesetzt. Du sollst das Wort aus meinem Mund hören und sie vor mir warnen.

Hes 33:8  Wenn ich zu dem Gottlosen sage: `Du Gottloser, du musst sterben!, du aber redest nicht, um den Gottlosen vor seinem Weg zu warnen, so wird er, der Gottlose, um seiner Schuld willen sterben; aber sein Blut werde ich von deiner Hand fordern.

Hes 33:9  Wenn du jedoch den Gottlosen vor seinem Weg warnst, damit er von ihm umkehrt, er aber von seinem Weg nicht umkehrt, so wird er um seiner Schuld willen sterben; du aber hast deine Seele gerettet.

Hes 33:10  Und du, Menschensohn, sage zum Haus Israel: So sprecht ihr und sagt: Unsere Vergehen und unsere Sünden sind auf uns, und in ihnen schwinden wir dahin. Wie könnten wir leben?

Hes 33:11  Sage zu ihnen: So wahr ich lebe, spricht der Herr, HERR: Wenn ich Gefallen habe am Tod des Gottlosen! Wenn nicht vielmehr daran, dass der Gottlose von seinem Weg umkehrt und lebt! Kehrt um, kehrt um von euren bösen Wegen! Ja, warum wollt ihr sterben, Haus Israel?

Hes 33:12  Und du, Menschensohn, sage zu den Söhnen deines Volkes: Die Gerechtigkeit des Gerechten wird ihn nicht retten am Tag seines Vergehens; und die Gottlosigkeit des Gottlosen – er wird durch sie nicht stürzen an dem Tag, da er von seiner Gottlosigkeit umkehrt. Und [die Gerechtigkeit des] Gerechten – er wird durch sie nicht leben können an dem Tag, da er sündigt.

Hes 33:13  Wenn ich dem Gerechten sage: `Leben soll er!, und er verlässt sich auf seine Gerechtigkeit und tut Unrecht, so wird all seiner gerechten Taten nicht gedacht werden, sondern um seines Unrechts willen, das er getan hat, deswegen wird er sterben.

Hes 33:14  Wenn ich aber zum Gottlosen sage: Sterben musst du! und er kehrt von seiner Sünde um und übt Recht und Gerechtigkeit,

Hes 33:15  [so dass] der Gottlose das Pfand zurückgibt, Geraubtes erstattet, in den Ordnungen, [die] zum Leben [führen], lebt, ohne Unrecht zu tun, so soll er am Leben bleiben, er soll nicht sterben.

Hes 33:16  All seiner Sünden, die er begangen hat, soll ihm nicht gedacht werden; Recht und Gerechtigkeit hat er geübt: er soll am Leben bleiben.

Hes 33:17  Und die Söhne deines Volkes sagen: Der Weg des Herrn ist nicht recht, wo doch ihr eigener Weg nicht recht ist.

Hes 33:18  Wenn der Gerechte von seiner Gerechtigkeit umkehrt und Unrecht tut, so wird er deswegen sterben.

Hes 33:19  Und wenn der Gottlose von seiner Gottlosigkeit umkehrt und Recht und Gerechtigkeit übt, so wird er um ihretwillen leben.

(Elberfelder Übersetzung 1985)

 

Diesen Versen zufolge hat jeder Mensch Verantwortung für sich selbst und kann seine Schuld nicht auf jemand anderen laden.

Die Verse acht und neun machen das sehr deutlich. Der Wächter warnt sein Volk nicht (Vers 8), ist somit für den Tod des Anderen verantwortlich aufgrund seines Nichthandelns.

Der Gottlose, der gewarnt werden sollte, dass er doch umkehren möge, stirbt aufgrund seiner Gottlosigkeit.

Noch deutlicher wird es im zweiten Szenario (Vers 9). Der Wächter warnt, doch der Gottlose kehrt trotz Ermahnung nicht um, so stirbt der Gottlose ebenfalls wegen seiner Übertretung (Gottlosigkeit). Der Wächter jedoch hat seine Aufgabe erfüllt und trägt somit keine Schuld.

 

Das Prinzip der Selbstverantwortung wird bereits zu Beginn der Torah etabliert. Dadurch, dass Adam und Eva vom Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen aßen (1. Mose 3), kam nicht wie häufig behauptet, die sogenannte Erbsünde oder der sogenannte Sündenfall der Menschheit zustande, sondern dem Menschen wurde, durch sein erlangtes Wissen um Gutes und Böses, die Verantwortung das Gute zu wählen, zugesprochen.

 

1Mo 4:3  Und es geschah nach einiger Zeit, da brachte Kain von den Früchten des Ackerbodens dem HERRN eine Opfergabe.

1Mo 4:4  Und Abel, auch er brachte von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Und der HERR blickte auf Abel und auf seine Opfergabe;

1Mo 4:5  aber auf Kain und auf seine Opfergabe blickte er nicht. Da wurde Kain sehr zornig, und sein Gesicht senkte sich.

1Mo 4:6  Und der HERR sprach zu Kain: Warum bist du zornig, und warum hat sich dein Gesicht gesenkt?

1Mo 4:7  Ist es nicht [so], wenn du recht tust, erhebt es sich? Wenn du aber nicht recht tust, lagert die Sünde vor der Tür. Und nach dir wird ihr Verlangen sein, du aber sollst über sie herrschen.

(Elberfelder Übersetzung 1985)

 

Zwei Dinge sind in diesen fünf Versen zu beobachten:

 

1. Opfergaben wurden weder von Gott initiiert noch verlangt oder befohlen – es war den Menschen von Anfang an ein Bedürfnis, Gott diesedarzubringen. Allerdings taten sie das nicht um der Opfer selbst Willen, sondern brachten Opfergaben aufgrund der verübten Gerechtigkeit dar. (vgl. Jesaja 1; Psalm 51; Sprüche 21:3;Micha 6:6-8)

 

2. Trotz des Opfers, das Kain bringt, wird er von Gott unterwiesen, der ihm nahelegt, dass nicht sein Opfer entscheidend ist, sondern das Richtige, das Gute zu tun (Vers 7).

 

Doch Kain zeigt sich zunächst nicht einsichtig und bestätigt, im negativen Sinne, was er zuvor von Gott gelehrt bekam.

 

1Mo 4:8  Und Kain sprach zu seinem Bruder Abel. Und es geschah, als sie auf dem Feld waren, da erhob sich Kain gegen seinen Bruder Abel und erschlug ihn.

1Mo 4:9  Und der HERR sprach zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel? Und er sagte: Ich weiß nicht. Bin ich meines Bruders Hüter?

1Mo 4:10  Und er sprach: Was hast du getan! Horch! Das Blut deines Bruders schreit zu mir vom Ackerboden her.

1Mo 4:11  Und nun, verflucht seist du von dem Ackerboden hinweg, der seinen Mund aufgerissen hat, das Blut deines Bruders von deiner Hand zu empfangen!

1Mo 4:12  Wenn du den Ackerboden bebaust, soll er dir nicht länger seine Kraft geben; unstet und flüchtig sollst du sein auf der Erde!

1Mo 4:13  Da sagte Kain zu dem HERRN: Zu groß ist meine Strafe (besser übers. Vergehen, Schuld, Sünde), als dass ich sie tragen könnte.

1Mo 4:14  Siehe, du hast mich heute von der Fläche des Ackerbodens vertrieben, und vor deinem Angesicht muss ich mich verbergen und werde unstet und flüchtig sein auf der Erde; und es wird geschehen: jeder, der mich findet, wird mich erschlagen.

1Mo 4:15  Der HERR aber sprach zu ihm: Nicht so, jeder, der Kain erschlägt – siebenfach soll er gerächt werden! Und der HERR machte an Kain ein Zeichen, damit ihn nicht jeder erschlüge, der ihn fände.

1Mo 4:16  So ging Kain weg vom Angesicht des HERRN und wohnte im Land Nod, östlich von Eden.

(Elberfelder Übersetzung 1985)

 

 

Nach dem Mord an seinem Bruder Abel, wird Kain vom Allmächtigen zur Rede gestellt, wobei der Mörder seine Schuld bekennt (Vers 13) und daraufhin Gottes Schutz (Vergebung) erhält (Vers 15). Das Zeichen, dass Kain erhält, ist nicht etwa ein Mal auf seiner Stirn o. Ä., sondern dass niemand ihn erschlagen werde. Aufgrund seiner Einsicht bewahrt Gott ihn davor, das gleiche Schicksal wie sein Bruder zu erleiden.

Erneut eine klare Betonung der Torah auf Einsicht und Reue / Umkehr.

 

Kehren wir ins Buch des Propheten Hesekiel zurück.

 

Hes 18:1  Und das Wort des HERRN geschah zu mir so:

Hes 18:2  Was habt ihr, dass ihr dieses Sprichwort im Land Israel gebraucht und sprecht: Die Väter essen unreife Trauben, und die Zähne der Söhne werden stumpf?

Hes 18:3  So wahr ich lebe, spricht der Herr, HERR, wenn ihr diesen Spruch in Israel noch gebraucht!

Hes 18:4  Siehe, alle Seelen gehören mir; wie die Seele des Vaters, so auch die Seele des Sohnes. Sie gehören mir. Die Seele, die sündigt, sie [allein] soll sterben.

Hes 18:5  Und wenn jemand gerecht ist und Recht und Gerechtigkeit übt,

Hes 18:6  auf den Bergen nicht isst und seine Augen nicht erhebt zu den Götzen des Hauses Israel und die Frau seines Nächsten nicht unrein macht und einer Frau [zur Zeit ihrer] Unreinheit nicht naht

Hes 18:7  und niemanden unterdrückt, das Pfand des Schuldners zurückgibt, keinen Raub begeht, sein Brot dem Hungernden gibt und den Nackten mit Kleidung bedeckt,

Hes 18:8  auf Zins nicht gibt und Aufschlag nicht nimmt, seine Hand vom Unrecht zurückhält, rechtes Gericht übt zwischen Mann und Mann,

Hes 18:9  in meinen Ordnungen lebt und meine Rechtsbestimmungen hält, um [sie] getreu zu befolgen: gerecht ist er. Leben soll er, spricht der Herr, HERR. –

Hes 18:10  Zeugt er aber einen gewalttätigen Sohn, der Blut vergiesst und eines von diesen [Dingen] tut –

Hes 18:11  er selbst aber hat alles das nicht getan -, wenn [der] sogar auf den Bergen isst und die Frau seines Nächsten unrein macht,

Hes 18:12  den Elenden und den Armen unterdrückt, Raub an sich reisst, das Pfand nicht zurückgibt und seine Augen zu den Götzen erhebt, Greuel verübt,

Hes 18:13  auf Zins gibt und Aufschlag nimmt: sollte er leben? Er soll nicht leben! All diese Greuel hat er verübt: er muss getötet werden, sein Blut wird auf ihm sein.

Hes 18:14  Und siehe, der zeugt einen Sohn, und dieser sieht alle Sünden seines Vaters, die der tut; er sieht [sie] und tut nicht desgleichen:

Hes 18:15  Er isst nicht auf den Bergen und erhebt seine Augen nicht zu den Götzen des Hauses Israel, er macht nicht die Frau seines Nächsten unrein,

Hes 18:16  und er unterdrückt niemanden, pfändet kein Pfand und begeht keinen Raub, er gibt dem Hungernden sein Brot und bedeckt den Nackten mit Kleidung,

Hes 18:17  er hält seine Hand vom Unrecht zurück, nimmt weder Zins noch Aufschlag, er befolgt meine Rechtsbestimmungen, lebt in meinen Ordnungen: der wird nicht wegen der Schuld seines Vaters sterben. Leben soll er!

Hes 18:18  Sein Vater, weil er Erpressung verübt, am Bruder Raub begangen und das, was nicht gut war, inmitten seines Volkes getan hat: siehe, er [allein] soll um seiner Schuld willen sterben.

Hes 18:19  Ihr aber sagt: `Warum trägt der Sohn nicht an der Schuld des Vaters [mit]? Dabei hat der Sohn [doch] Recht und Gerechtigkeit geübt, hat alle meine Ordnungen bewahrt und sie getan: Leben soll er!

Hes 18:20  Die Seele, die sündigt, sie soll sterben. Ein Sohn soll nicht an der Schuld des Vaters [mit-]tragen, und ein Vater soll nicht an der Schuld des Sohnes [mit-]tragen. Die Gerechtigkeit des Gerechten soll auf ihm sein, und die Gottlosigkeit des Gottlosen soll auf ihm sein.

Hes 18:21  Wenn aber der Gottlose umkehrt von all seinen Sünden, die er getan hat, und alle meine Ordnungen bewahrt und Recht und Gerechtigkeit übt: leben soll er [und] nicht sterben.

Hes 18:22  All seine Vergehen, die er begangen hat, sollen ihm nicht angerechnet werden; um seiner Gerechtigkeit willen, die er geübt hat, soll er leben.

Hes 18:23  Sollte ich wirklich Gefallen haben am Tod des Gottlosen, spricht der Herr, HERR, nicht [vielmehr] daran, dass er von seinen Wegen umkehrt und lebt?

Hes 18:24  Wenn aber ein Gerechter von seiner Gerechtigkeit umkehrt und Unrecht tut nach all den Greueln, die der Gottlose verübt hat – tut er es, sollte er leben? -: An all seine gerechten Taten, die er getan hat, soll nicht gedacht werden. Wegen seiner Untreue, die er begangen, und wegen seiner Sünde, die er getan hat, ihretwegen soll er sterben.

Hes 18:25  Aber ihr sagt: `Der Weg des Herrn ist nicht recht. Hört doch, Haus Israel: Ist mein Weg nicht recht? Sind nicht [vielmehr] eure Wege nicht recht?

Hes 18:26  Wenn ein Gerechter von seiner Gerechtigkeit umkehrt und Unrecht tut und um dieser [Sünden] willen stirbt, so stirbt er wegen seines Unrechts, das er getan hat.

Hes 18:27  Wenn aber ein Gottloser von seiner Gottlosigkeit, die er begangen hat, umkehrt und Recht und Gerechtigkeit übt: er wird seine Seele am Leben erhalten.

Hes 18:28  Sieht er es ein und kehrt er um von all seinen Vergehen, die er begangen hat: leben soll er [und] nicht sterben. –

Hes 18:29  Aber das Haus Israel sagt: `Der Weg des Herrn ist nicht recht. Sind meine Wege nicht recht, Haus Israel? Sind nicht [vielmehr] eure Wege nicht recht?

Hes 18:30  Darum werde ich euch richten, Haus Israel, jeden nach seinen Wegen, spricht der Herr, HERR. Kehrt um und wendet euch ab von allen euren Vergehen, dass es euch nicht ein Anstoss zur Schuld wird!

Hes 18:31  Werft von euch alle eure Vergehen, mit denen ihr euch vergangen habt, und schafft euch ein neues Herz und einen neuen Geist! Ja, wozu wollt ihr sterben, Haus Israel?

Hes 18:32  Denn ich habe kein Gefallen am Tod dessen, der sterben muss, spricht der Herr, HERR. So kehrt um, damit ihr lebt!

(Elberfelder Übersetzung 1985)

 

Der Vater ist nicht für die Sünden seines Sohnes verantwortlich und umgekehrt.

 

2Mo 20:5  Du sollst dich vor ihnen nicht niederwerfen und ihnen nicht dienen. Denn ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott, der die Schuld der Väter heimsucht an den Kindern, an der dritten und vierten [Generation] von denen, die mich hassen,

2Mo 20:6  der aber Gnade erweist an Tausenden [von Generationen] von denen, die mich lieben und meine Gebote halten.

 

 

Die Worte Hesekiels richten sich an das Volk Israel und fordern immer wieder zur Umkehr von den gottlosen Wegen auf. Da die Israeliten nun die Torah kannten, dennoch entgegen ihrer Lehre lebten, lässt sich erkennen, dass sie absichtlich Übertretungen begingen.

Das führt nun (im nächsten Teil) zu den Vergehen von David Ha’Melech (König David) und wie ihm von Gott vergeben wurde.

[ Teil 3 folgt ]

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Sündenvergebung [ Teil 1 ]

„…und ohne Blutvergießen gibt es keine Vergebung.“?

Hebr. 9:22 (Elberfelder Übersetzung 2006)

Dieser (halbe) Vers aus dem Neuen Testament / der christlichen Bibel fungiert in christlichen Denominationen als Grundlage der Lehre zur Sündenvergebung und vermittelt den Eindruck, dass nur durch Blutvergießen bzw. Tieropfer dieselbe erlangt werden kann.

Woher kommt diese Idee?

Aufgrund der Tatsache, dass das Neue Testament das Alte Testament als heilige Schrift / Schriften / Gesetz und Propheten anerkennt und beschreibt (Mat. 21:42; Mat. 22:29; Mat. 26:54/56; Mar. 12:24; Mar. 14:49; Luk. 24:27/32/45; Joh. 5:39/47; Apg. 17:2/11; Apg. 18:24/28; Röm. 1:2; Röm. 15:4; Röm. 16:26; 1.Kor. 15:3-4; 2.Ti. 3:15; 2.Pe. 3:16), sollte man meinen, dass diese neutestamentliche Lehre der Vergebung sich eindeutig aus dem Tanach ableiten ließe.

Genau dieser Spur möchte ich in dieser Arbeit folgen und die Richtigkeit oder Falschheit dieser Grundsatzthese, auf Basis der jüdischen / hebräischen Bibel, überprüfen.

Die o.g. Stelle aus dem neuen Testament (Hebr. 9:22) hat in vielen Studienbibeln einen Verweis auf 3. Mose Kap. 16. In diesem Abschnitt der Torah finden wir eine detailreiche Beschreibung der rituellen Handlungen der Priester – insbesondere des Hohenpriesters – und Leviten und des Volkes Israel, am Versöhnungstag.

3Mo 16:1  Und der HERR redete zu Mose nach dem Tod der beiden Söhne Aarons, als sie vor den HERRN traten und starben.

3Mo 16:2  Und der HERR sprach zu Mose: Rede zu deinem Bruder Aaron, dass er nicht zu jeder Zeit in das Heiligtum hineingeht innerhalb des Vorhangs, vor die Deckplatte, die auf der Lade ist, damit er nicht stirbt. Denn ich erscheine in der Wolke über der Deckplatte.

3Mo 16:3  Auf diese Weise soll Aaron in das Heiligtum hineingehen: mit einem Jungstier für das Sündopfer und einem Widder für das Brandopfer.

3Mo 16:4  Er soll einen heiligen Leibrock aus Leinen anziehen, und leinene Beinkleider sollen auf seinem Fleisch sein, und mit einem leinenen Gürtel soll er sich umgürten und einen Kopfbund aus Leinen sich umbinden: das sind heilige Kleider. Er soll sein Fleisch im Wasser baden und sie [dann] anziehen.

3Mo 16:5  Und von der Gemeinde der Söhne Israel soll er zwei Ziegenböcke nehmen für das Sündopfer und einen Widder für das Brandopfer.

3Mo 16:6  Und Aaron soll den Jungstier des Sündopfers, der für ihn ist, herbeibringen und Sühnung erwirken für sich und für sein Haus.

3Mo 16:7  Und er soll die zwei Ziegenböcke nehmen und sie an den Eingang des Zeltes der Begegnung vor den HERRN stellen.

3Mo 16:8  Und Aaron soll Lose werfen über die zwei Ziegenböcke, ein Los für den HERRN und ein Los für Asasel.

3Mo 16:9  Und Aaron soll den Ziegenbock herzubringen, auf den das Los für den HERRN gefallen ist, und ihn als Sündopfer opfern.

3Mo 16:10  Und der Ziegenbock, auf den das Los für Asasel gefallen ist, soll lebendig vor den HERRN gestellt werden, um für ihn Sühnung zu erwirken, um ihn für Asasel in die Wüste fortzuschicken.

3Mo 16:11  Und Aaron bringe den Jungstier des Sündopfers, der für ihn ist, herbei und tue Sühnung für sich und für sein Haus und schlachte den Jungstier des Sündopfers, der für ihn ist.

3Mo 16:12  Und er nehme eine Pfanne voll Feuerkohlen von dem Altar vor dem HERRN und seine beiden Hände voll von wohlriechendem, kleingestossenem Räucherwerk und bringe es [in den Raum] innerhalb des Vorhangs.

3Mo 16:13  Und er lege das Räucherwerk auf das Feuer vor den HERRN, damit die Wolke des Räucherwerks die Deckplatte, die auf dem Zeugnis ist, bedeckt und er nicht stirbt.

3Mo 16:14  Und er nehme [etwas] von dem Blut des Jungstiers und sprenge [es] mit seinem Finger auf die Vorderseite der Deckplatte nach Osten zu, und vor die Deckplatte soll er siebenmal [etwas] von dem Blut mit seinem Finger sprengen.

3Mo 16:15  Und er schlachte den Ziegenbock des Sündopfers, der für das Volk ist, und bringe sein Blut [in den Raum] innerhalb des Vorhangs und tue mit seinem Blut ebenso, wie er mit dem Blut des Jungstiers getan hat, und sprenge es auf die Deckplatte und vor die Deckplatte.

3Mo 16:16  Und er erwirke Sühnung für das Heiligtum wegen der Unreinheiten der Söhne Israel und wegen ihrer Vergehen, nach allen ihren Sünden. Und ebenso soll er für das Zelt der Begegnung tun, das sich bei ihnen befindet mitten in ihren Unreinheiten.

3Mo 16:17  Und kein Mensch soll in dem Zelt der Begegnung sein, wenn er hineingeht, um Sühnung im Heiligtum zu erwirken, bis er herauskommt. So erwirke er Sühnung für sich und für sein Haus und für die ganze Versammlung Israels.

3Mo 16:18  Und er soll hinausgehen zu dem Altar, der vor dem HERRN ist, und für ihn Sühnung erwirken. Und er nehme [etwas] von dem Blut des Jungstiers und von dem Blut des Ziegenbocks und tue es ringsherum an die Hörner des Altars.

3Mo 16:19  Und er sprenge [etwas] von dem Blut siebenmal mit seinem Finger an ihn und reinige ihn und heilige ihn von den Unreinheiten der Söhne Israel.

3Mo 16:20  Und hat er die Sühnung des Heiligtums und des Zeltes der Begegnung und des Altars vollendet, dann soll er den lebenden Ziegenbock herbeibringen.

3Mo 16:21  Und Aaron lege seine beiden Hände auf den Kopf des lebenden Ziegenbocks und bekenne auf ihn alle Schuld der Söhne Israel und all ihre Vergehen nach allen ihren Sünden. Und er lege sie auf den Kopf des Ziegenbocks und schicke ihn durch einen bereitstehenden Mann fort in die Wüste,

3Mo 16:22  damit der Ziegenbock all ihre Schuld auf sich trägt in ein ödes Land; und er schicke den Ziegenbock in die Wüste.

3Mo 16:23  Und Aaron soll in das Zelt der Begegnung hineingehen und die Kleider aus Leinen ausziehen, die er anzog, als er in das Heiligtum hineinging, und soll sie dort niederlegen.

3Mo 16:24  Und er soll an heiliger Stätte sein Fleisch im Wasser baden und seine Kleider anziehen. Und er soll herauskommen und sein Brandopfer und das Brandopfer des Volkes opfern und [so] für sich und für das Volk Sühnung erwirken.

3Mo 16:25  Und das Fett des Sündopfers soll er auf dem Altar in Rauch aufgehen lassen.

3Mo 16:26  Und wer den Ziegenbock für Asasel fortschickt, soll seine Kleider waschen und sein Fleisch im Wasser baden. Danach darf er ins Lager kommen.

3Mo 16:27  Und den Jungstier des Sündopfers und den Ziegenbock des Sündopfers, deren Blut hineingebracht worden ist, um im Heiligtum Sühnung zu erwirken, soll man hinausbringen nach draussen vor das Lager und ihre Häute und ihr Fleisch und ihren Mageninhalt mit Feuer verbrennen.

3Mo 16:28  Und der sie verbrennt, soll seine Kleider waschen und sein Fleisch im Wasser baden; danach darf er ins Lager kommen.

3Mo 16:29  Und dies soll euch zu einer ewigen Ordnung sein: Im siebten Monat, am Zehnten des Monats, sollt ihr euch selbst demütigen und keinerlei Arbeit tun, der Einheimische und der Fremde, der in eurer Mitte als Fremder wohnt.

3Mo 16:30  Denn an diesem Tag wird man für euch Sühnung erwirken, um euch zu reinigen: von all euren Sünden werdet ihr rein sein vor dem HERRN.

3Mo 16:31  Ein Sabbat völliger Ruhe soll er euch sein, und ihr sollt euch selbst demütigen – eine ewige Ordnung.

3Mo 16:32  Und der Priester soll Sühnung erwirken, den man salben wird und dem man die Hand füllt, damit er den Priesterdienst an seines Vaters Statt ausübt. Er soll die Kleider aus Leinen anziehen, die heiligen Kleider,

3Mo 16:33  und er soll Sühnung erwirken für das heilige Heiligtum und für das Zelt der Begegnung. Und für den Altar soll er Sühnung erwirken, und für die Priester und für das ganze Volk der Gemeinde soll er Sühnung erwirken.

3Mo 16:34  Das soll euch zu einer ewigen Ordnung sein, für die Söhne Israel einmal im Jahr Sühnung zu tun wegen all ihrer Sünden. Und er tat [es], ganz wie der HERR dem Mose geboten hatte.

(Elberfelder Übersetzung 1985)

In den hier hervorgehobenen Passagen dieses Kapitels wird deutlich, dass das Blut der Opfertiere (der Stier und die beiden Böcke) zur rituellen Reinigung der heiligen Geräte (Bundeslade, Altar usw.) und der gesamten Mishkan (Stiftshütte / Zelt der Begegnung) auf bestimmte Weise vom Hohepriester auf die heiligen Geräte gesprengt wurde. Die Sühnung erfolgt aufgrund der Reinigung. Denn nach dem Ritual des Sündopfers für das gesamte Volk, werden die Sünden des Volkes nun auf den Bock für Asasel übertragen. Doch dieser Bock bleibt lebendig und wird verjagt. Er trägt also die Sünden fort, es wird aber keine Sühnung dadurch erwirkt, dass dieser Bock sterben muss.

Lesen wir als nächstes eine weitere Passage der Torah, die von Opfern und speziell von Sündopfern spricht.

Im vierten und fünften Kapitel von Leviticus (3. Mose) finden wir einen entscheidenden Hinweis darauf, dass Sünde nicht gleich Sünde ist.

3Mo 4:1  Und der HERR redete zu Mose:

3Mo 4:2  Rede zu den Söhnen Israel und sage: Wenn jemand aus Versehen sündigt gegen [irgend etwas], was der HERR zu tun verboten hat, und irgendeines von ihnen tut, –

3Mo 4:3  wenn der gesalbte Priester sündigt zur Schuld des Volkes, dann soll er für seine Sünde, die er begangen hat, dem HERRN einen Jungstier ohne Fehler als Sündopfer darbringen!

(Elberfelder Übersetzung 1985)

Die Torah geht hier ganz speziell auf unabsichtlich begangene Sünden ein.

3Mo 4:13  Und wenn die ganze Gemeinde Israel aus Versehen sündigt, und die Sache ist verborgen vor den Augen der Versammlung, und sie tun irgend etwas von alledem, was der HERR zu tun verboten hat, und werden schuldig,

3Mo 4:14  wird dann die Sünde erkannt, mit der sie sich dagegen versündigt haben, dann soll die Versammlung einen Jungstier als Sündopfer darbringen, und sie sollen ihn vor das Zelt der Begegnung bringen.

3Mo 4:22  Wenn ein Fürst sündigt und tut aus Versehen [irgend etwas] von alledem, was der HERR, sein Gott, zu tun verboten hat, und wird schuldig,

3Mo 4:23  und seine Sünde, mit der er gesündigt hat, wird ihm zu Bewusstsein gebracht, dann soll er seine Opfergabe bringen, einen Ziegenbock, ein Männchen ohne Fehler.

3Mo 4:27  Und wenn jemand vom Volk des Landes aus Versehen sündigt, indem er eines von dem tut, was der HERR zu tun verboten hat, und schuldig wird,

3Mo 4:28  und seine Sünde, die er begangen hat, wird ihm zu Bewusstsein gebracht, dann soll er seine Opfergabe bringen, eine weibliche Ziege ohne Fehler, für seine Sünde, die er begangen hat.

(Elberfelder Übersetzung 1985)

Für diese Art Sünde bringt der Betroffene dann ein Opfer dar, wenn er seine Übertretung erkannt hat, was in Kapitel 5 weiterhin verdeutlicht wird.

3Mo 5:3  Oder wenn er die Unreinheit eines Menschen anrührt, was seine Unreinheit auch sei, durch die er unrein wird, und es ist ihm verborgen, – erkennt er es, dann ist er schuldig.

3Mo 5:4  Oder wenn jemand schwört, indem er unbesonnen mit den Lippen redet, Böses oder Gutes zu tun, nach allem was ein Mensch mit einem Schwur unbesonnen reden mag, und es ist ihm verborgen, – erkennt er es, dann ist er schuldig in einem von diesen.

3Mo 5:5  Und es soll geschehen, wenn er in einem von diesen [Dingen] schuldig wird, dann bekenne er, worin er gesündigt hat

3Mo 5:6  und er bringe dem HERRN sein Schuldopfer für seine Sünde, die er begangen hat: ein weibliches [Tier] vom Kleinvieh, ein Schaf oder eine Ziege, zum Sündopfer. So soll der Priester wegen seiner Sünde Sühnung für ihn erwirken.

(Elberfelder Übersetzung 1985)

Basierend auf diesen Textstellen können wir bereits die Tendenz bzw. die Betonung der Torah auf das Erkennen und Bereuen der eigenen Schuld beobachten. Das Opfer für ein Vergehen gegen die Torah kann logischerweise erst dann erbracht werden, wenn der Schuldige um sein Vergehen weiß, um dann Reue zu empfinden und dieser durch ein Opfer Ausdruck zu verleihen.

Doch ist dafür unbedingt das Blut eines Tieres nötig oder – anders ausgedrückt – ist es wirklich das Blut, das die Sühnung erwirkt?

3Mo 5:6  und er bringe dem HERRN sein Schuldopfer für seine Sünde, die er begangen hat: ein weibliches [Tier] vom Kleinvieh, ein Schaf oder eine Ziege, zum Sündopfer. So soll der Priester wegen seiner Sünde Sühnung für ihn erwirken.

3Mo 5:7  Und wenn seine Hand das [zum Kauf] eines Schafes Ausreichende nicht aufbringen kann, so bringe er für das, worin er gesündigt hat, dem HERRN sein Schuldopfer: zwei Turteltauben oder zwei junge Tauben: eine zum Sündopfer und eine zum Brandopfer.

3Mo 5:8  Und er soll sie zum Priester bringen; und dieser bringe die zum Sündopfer zuerst dar und kneife ihr den Kopf dicht beim Genick ab. Er soll ihn aber nicht [völlig] abtrennen.

3Mo 5:9  Und er sprenge [etwas] von dem Blut des Sündopfers an die Wand des Altars, das übrige von dem Blut aber soll an den Fuß des Altars ausgedrückt werden: ein Sündopfer ist es.

3Mo 5:10  Und die andere soll er als Brandopfer opfern, nach der Vorschrift. So erwirke der Priester Sühnung für ihn wegen seiner Sünde, die er begangen hat, und es wird ihm vergeben werden.

3Mo 5:11  Wenn aber seine Hand zwei Turteltauben oder zwei junge Tauben nicht aufbringen kann, dann bringe er, der gesündigt hat, als seine Opfergabe ein Zehntel Efa Weizengrieß zum Sündopfer. Er soll kein Öl darauf tun und keinen Weihrauch darauf legen, denn ein Sündopfer ist es.

3Mo 5:12  Und er soll es zum Priester bringen; und der Priester nehme davon seine Hand voll, die Askara davon, und lasse es auf dem Altar in Rauch aufgehen, auf den Feueropfern des HERRN: ein Sündopfer ist es.

3Mo 5:13  So erwirke der Priester Sühnung für ihn wegen seiner Sünde, die er begangen hat in einem von diesen [Dingen], und es wird ihm vergeben werden. Das Sündopfer aber soll dem Priester gehören wie das Speisopfer.

(Elberfelder Übersetzung 1985)

Ein Israelit, der sich nicht einmal zwei Tauben leisten oder einfangen konnte, hatte die Möglichkeit Weizengrieß als Sündopfer zur Vergebung darzubringen. Ganz eindeutig sorgt also nicht das Blut eines Opfertieres für die Vergebung, sondern das Opfer ist lediglich Ausdruck der Reue und konnte auch von armen Israeliten dargebracht werden. Es ist somit eine verschobene Perspektive der christlichen Theologie zu erkennen, welche mehr Gewicht auf Opfer und Blutvergießen zur Vergebung legt, anstatt die Perspektive der Torah anzuerkennen, die das Opfer lediglich als symbolischen Reueakt beschreibt.

Auf dieses Thema und auch auf absichtlich begangene Sünden und deren Vergebung, Vergebung von Sünden ohne Mishkan oder Tempel, werde ich im folgenden Teil eingehen.

[ Teil 2 ]

Wer ist der Knecht in Jesaja 53?

In der christlichen Theologie hat das Kapitel 53 in Jesaja eine zentrale Bedeutung. Dort wird christlicher Meinung nach der Leidensweg, Opfertod und die Erhöhung von Jesus prophezeit.

Somit werden wir den Text unter Einbeziehen des Kontexts und im Vergleich mit dem hebräischen Orginal analysieren um dem nachzugehen.

Bei dem Kapitel 53 handelt es sich um einen Teil eines wunderschönen poetischen Liedes. Es ist das letzte der vier Gottesknechtslieder und beginnt im Kapitel 52,13. In diesen poetischen Liedern geht es nicht um einen Messias, König usw., sondern um das Volk Israel, seinen Schöpfer Jahweh und die anderen Nationen.

  • Das erste Lied vom Gottesknecht   (Jes 42,1-4)
  • Das zweite Lied vom Gottesknecht (Jes 49,1-6)
  • Das dritte Lied vom Gottesknecht   (Jes 50,4-9)
  • Das vierte Lied vom Gottesknecht   (Jes 52,13-53,12)

Diese poetischen Lieder (oder Gedichte) beschreiben den Knecht, den Jahweh wählte,  „um für Gerechtigkeit für die Völker zu sorgen(42:1) und das Volk wieder nach Israel zu führen“ – zurück zu zum Schöpfer (49:5). Dieser Knecht wird auch ein Licht für die Nationen sein“, so dass andere Nationen, Jahwehs rettende Kraft“ (49:6) erkennen werden. Der Knecht in Jesaja wird viel Leid und Demütigung erleiden (50:6; 52:14; 53:3-5,7), wenn er dem Dienst, den Jahweh ihm aufträgt, nachgeht. Das letzte dieser Lieder verdeutlicht, dass auch wenn die Nationen den Knecht als „gefallen“ betrachten, der Knecht seine Mission nicht erreicht und sogar vom Schöpfer verworfen zu sein scheint, er keineswegs verworfen ist, sondern unter seiner Gnade Schutz und Heil erfährt!                                                                                                                                              Doch wer ist dieser Knecht?                                                                                                                                                                                                                                            3.Mose 22,25: Denn die Kinder Israels sind mir dienstbar; sie sind meine Knechte, die ich aus dem Land Ägypten herausgeführt habe; ich, Jahweh, bin eure Mächtige Authorität. Psalm 136,21-22: (..) und ihr Land als Erbe gab; denn seine Gnade währt ewiglich! Als Erbe seinem Knecht Israel; denn seine Gnade währt ewiglich!                                 Jesaja 41,8-9: Du aber, Israel, mein Knecht, Jakob, mein Auserwählter, du Same Abrahams, meines Freundes, den ich von den Enden der Erde ergriffen und aus ihren entferntesten Winkeln berufen habe, und zu dem ich gesprochen habe: Du bist mein Knecht, ich habe dich auserwählt und nicht verworfen                                                    (vgl. Jesaja 42:1u.19, 43:10, 44:1-2 u.21+26, 45:4, 49:3-7, 50:10, 52:13, 53:11)

Um ein besserers Verständnis von dem Kapitel 53 zu bekommen, muss man bei Jesaja 52,13 zu lesen beginnen – dem Anfang des 5. Liedes.

In der Einleitung des vierten Liedes ist auch die Kernaussage dieses poetischen Textes zu finden. Der Knecht (Israel) wird nach seiner Leidenszeit von Jahweh unter den Nationen einen erhabenen Platz haben. Und sogar die Völker, die ja glaubten, Israel sei verworfen, werden über Israels Entwicklung erstaunt sein.

Jesaja 52,13-15: Siehe, mein (Jahwehs) Knecht (Israel) wird einsichtig handeln, er (Israel) wird erhoben sein, erhöht werden und sehr erhaben sein. Gleichwie sich viele (die Nationen) über dich entsetzten, so sehr war sein (Israels) Angesicht entstellt, mehr als das irgendeines Mannes, und seine Gestalt, mehr als die der Menschenkinder, genauso wird er viele Heidenvölker in Erstaunen setzen, und Könige werden vor ihm (Israel) den Mund schließen. Denn was ihnen (den Nationen) nie erzählt worden war, das werden sie (die Nationen) sehen, und was sie nie gehört hatten, werden sie wahrnehmen.

Eine Vers-für-Vers-Analyse

Bei diesen Versen entstehen die Fehldeutungen einer Unkenntnis heraus. Es wird außer Acht gelassen, dass es sich dabei um poetische Gedichte handelt, bei denen mehrere Akteure miteinbezogen sind. Man muss es wie ein Theaterstück sehen, das mit mehreren Rednern (Schauspielern) und Bühnenbildern ausgestattet ist. Der Text soll einen Ausblick darüber geben, wie sich die Nationen in ferner Zukunft  ihre ungerechte Haltung gegenüber Israel eingestehen werden.

1. Wer hätte geglaubt, was uns da berichtet wurde? Und wem ist der Arm Jahwehs offenbart?  (Redner: die Nationen)                                                                                                                                                         In diesem eröffnenden Vers, sind die Herrscher der Nationen über die unglaublichen Nachrichten von Israels Heil schockiert: Wer würde glauben, was wir gehört haben!“          Mit dem „Arm Jahwehs“ ist die Stärke und Macht Jahwehs gemeint, mit der er Israel aus verschiedenen Situationen befreite (z.B. 5.Mose 26,8 aus Ägypten, (vgl. 3.Mose 3:20/ 6:6/14:31 Jesaja 51:9/ 52:10/ 26:8 Jeremiah 21:5/ 27:5 Hesekiel 20:33 Psalm 44:3/ 89:11/ 98:1/ 136.12).                                                                                                                                                   2. Wie ein kümmerlicher Spross wuchs er vor ihm auf, wie ein Trieb aus dürrem Boden. Er war weder stattlich noch schön. Er war unansehnlich, und er gefiel uns nicht.( Redner: die Nationen)

Das Bild von einem kümmerlichen Spross aus dürrer Erde ist eine Metapher für den jüdischen Kampf ums Überleben im Exil. Eine junges Bäumchen im trockenen Boden scheint nicht überlebensfähig. Die Israeliten waren eine kleine Nation, manchmal so klein, dass sie wie vom Aussterben bedroht waren. Hier wird die wundersame Rückkehr Israels aus dem Exil beschrieben. Der Vergleich Israels mit einem „kümmerlichen  Baum“ sind in den hebräischen Schriften öfter zu finden. (vgl. Jesaia 60:21, Hesekiel 19:13, Hosea 14:6-7, Amos 9:15).

3. Verachtet war er und verlassen von den Menschen, ein Mann der Schmerzen und mit Leiden vertraut; wie einer, vor dem man das Angesicht verbirgt, so verachtet war er, und wir achteten ihn nicht. ( Redner: die Nationen)                                                 Dieser Vers beschreibt Israel als verachtet und abgelehnt. Das war und ist ein ständiges Thema für das israelische Volk – viele Völker und Herrscher unterdückten Israel.            (vgl. Jesaja 49:7, 60:15; Psalm 44:14; Nehemia 3:36.)

4. Fürwahr, er hat unsere Krankheit getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen; wir aber hielten ihn für bestraft, von Gott geschlagen und niedergebeugt.   (Redner: Die Nationen)                                                                                                         Bei dem vierten Vers reden die Nationen „in ferner Zukunft“, wenn Jahwehs Plan mit Israel den Völkern bewusst geworden sein wird. Sie erkennen „rückwirkend“ die Position und Funktion Israels an (vgl. 5.Mose 7,6/ 14,2/ 26,19)                                                                                                                                                                       5. Doch er wurde wegen unserer Missetaten verwundet, wegen unserer Missetaten zermalmt; die Strafe lag auf ihm, damit wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt worden. (Redner: Die Nationen)                                        Auch dieser Vers ist ein klassisches Beispiel für Übersetzungs- und Deutungsfehler: Der Vers sagt nicht: „Er ist für unsere Missetat verwundet und um unsrer Sünde willen gebrochen“ worden – gleich einem stellvertretendem Opfer und Leiden. Vielmehr ist die richtige Übersetzung: „Er wurde wegen unserer Missetat verwundet und wegen unserer Missetaten zermalmt.“ Somit hat der Knecht gelitten, weil die Völker ihn schlecht behandelt haben und nicht, wie oft behauptet wird, um für die Sünden anderer zu büßen. Der Vers beschreibt, wie die Führer der Welt sich gedemütigt eingestehen, dass Israel wegen ihrer Missetat (wegen dem Hass gegenüber Israel) gelitten hat. Die Nationen dementieren ihre vorherige Behauptung (siehe oben in Jesaja 52:12-13 und 53: 2-5), dass Israel von Gott bestraft/verflucht sei.

Zum Vergleich: Jesaja 54,17: Keiner Waffe, die gegen dich geschmiedet wird, soll es gelingen; und alle Zungen, die sich gegen dich vor Gericht erheben, sollst du schuldig sprechen. Das ist das Erbteil der Knechte Jahwehs und ihre Gerechtigkeit, die ihnen von mir zuteil wird, spricht Jahweh

6. Wir alle gingen in die Irre wie Schafe, jeder wandte sich auf seinen Weg; aber der Herr warf unser aller Schuld auf ihn. (Redner: die Nationen)                                        Die Völker erkennen, dass ihr Handeln gegenüber Israel fehlgeleitet war. Mit den Worten „der Herr warf unser aller Schuld auf ihn“ soll auf poetische Art die Reue der Völker über die lange Leidenszeit Israels gezeigt werden. Sinngemäß bedeutet das, dass der Schuldige nicht so wie der Unschuldige leidet.

7. Er wurde mißhandelt, aber er beugte sich und tat seinen Mund nicht auf, wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird, und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer und seinen Mund nicht auftut. (Redner: Die Nationen)                      Die hebräische Bibel verwendet das Bild vom Schafe, (das) zur Schlachtbank geführt (wird)speziell in Bezug auf das jüdische Volk. z.B. wie in Psalm 44:12:                          Du hast uns wie Schafe zum Fraß hingegeben und hast uns unter die Heiden zerstreut.  Und in Vers 23: Ja, um deinetwillen werden wir getötet den ganzen Tag; wie Schlachtschafe sind wir geachtet.                                                                                 Dieser Vers spielt auf die vielen Entbehrungen an – sowohl die physische Qual und die wirtschaftliche Ausbeutung , die die Israeliten in den verschieden Zeitepochen im Exil ertragen mussten.                                                                                                           Antike: durch die Assyrer, Babylonier, Griechen und Römer.                                                Mittelalter: Kreuzritter, Inquisition, Anklage wegen „Gottesmordes“                                      20. Jhd.: NS-Zeit, Holocaust                                                                                                     Auch heute noch ist der „Judenhass“ aktuell in vielen Gesellschaften integriert.

8. Infolge von Drangsal und Gericht wurde er weggenommen; wer will aber sein Geschlecht beschreiben? Denn er wurde aus dem Land der Lebendigen weggerissen; wegen der Übertretung meines Volkes hat SIE ( lamoh לָמוֹ ) Strafe getroffen. (Redner: Die Nationen)                                                                                     Die Phrase, Land der Lebenden“ (Eretz HaChaim) bezieht sich speziell auf das Land Israel. Es bedeutet nicht, dass der Diener getötet wurde, sondern dass er aus dem Land Israel verbannt wurde (vgl. Hesekiel 32:23-27). Dieser Vers beschreibt die Überraschung der Zeugen über die Rückkehr der Israeliten ins Gelobte Land.                                                                                                                                                Die Führer der Nationen (die Redner) bekennen „Wegen meines Volkes Sünde, wurden sie (die Israeliten) bedrängt“. Hier macht der Text deutlich, dass es sich um eine kollektive Nation und nicht um ein einzelnes Individuum handelt. Ich habe das Wort „sie“ im Vers 8 rot gekennzeichnet, um die Pluralform zu verdeutlichen, da gerade das Wort lamoh לָמוֹ  in der christlichen Theologie auf eine Person ( also auf Jesus) hin gedeutet wird.                                                                                                                                        Das hebräische Wort  lamoh לָמוֹ bezieht sich auf eine Gruppe (kollektive Einheit), siehe zum Beispiel                                                                                                             Jesaja 16,4:  Sei ihnen (Israeliten, wörtlich ihm) ein Versteck                                          Jesaja 44,7:  sollen sie ihnen (den Menschen, wörtlich ihm) verkünden!                    Jesaja 48,21: Wasser ließ er ihnen (Israeliten)                                                            Psalm 99,7:  die er ihnen (Israeliten) gab.   

In der hebräischen Schrift wird Israel sehr oft im Singular benannt und auch der Wechsel vom Singular zum Plural ist in der hebräischen Sprache nichts Ungewöhnliches.

Jesaja 43,10: Ihr seid meine Zeugen, spricht Jahweh, und mein Knecht, den ich erwählt habe…                                                                                                                                 Hosea 11,1-2: Als Israel jung war, liebte ich ihn, und aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen. Aber sobald man sie rief, wandten sie sich vom Angesicht der Rufenden ab.

Genau solch einen Wechsel vom Singular zum Plural wie bei den Versen oben findet auch in Jesaja 53 Vers 8 statt.

9. (christliche  Übersetzung) Bei Gottlosen sollte er liegen im Tod, doch ins Steingrab eines Reichen kam er, weil er kein Unrecht  beging und kein unwahres Wort aus seinem Mund kam.

Bestätigt wird diese Aussage im Neuen Testament.                                                            Lukas 23,50-51: Und siehe, ein Mann namens Joseph aus Arimathia, einer Stadt der Juden, der ein Ratsherr war, ein guter und gerechter Mann,der ihrem (der bösen Juden) Rat und Tun nicht zugestimmt hatte, der auch selbst auf das Reich Gottes wartete. Matthäus 27, 57: Als es Abend wurde, kam Josef, ein reicher Mann aus Arimathäa, der auch ein Jünger von Jesus war.                                                                                            In der christlichen Version von Jesaja 53,9 sollte der Knecht bei einem Gottlosen begraben werden, wurde aber dann bei einem Reichen begraben. Hier steht also der Gottlose im Gegensatz zum Reichen da. Laut dem N.T. wurde Jesus bei einem reichen und gerechten Jünger begraben.                                                                                       Das Problem ist nur, dass in der hebräischen Version der Gottlose nicht im Gegensatz zum Reichen steht, sondern die gleiche Person darstellt. Der Gottlose ist durch Ungerechtigkeit zum Reichtum gekommen. (Ein Bild für etwas Schlechtes, Böses)      Jesaja 53,9 (jüdische Übers.): Bei einem Übeltäter gab man sein Grab, bei einem der reich an seinen Todsünden ist, obwohl er keine Gewalt übte und kein Trug in seinem Mund war. (Redner: die Nationen)                                                                                                                                              Die Nationen, die Israel besonders im Exil bedrückten, werden als Übeltäter beschrieben. Somit war Israel den „bösen“ Völkern im Exil ausgesetzt und wurde dort „begraben“. Die Umschreibungen „keine Gewalt übte“ und „kein Trug in seinem Mund war“ bezeichnen nicht die Sündlosigkeit eines Menschen. Mit diesen Worten wird verdeutlicht, dass Israel von Jahweh wieder als gerecht befunden wird (vgl. Zefanja 3:10-20)

10. Doch es gefiel Jahweh ihn mit Krankheit zu schlagen, zu sehen, ob er sich als Schuldopfer präsentieren würde. Wenn er das tut, wird er seine Nachkommen sehen, und er wird seine Tage verlängern, Und was dem Jahweh gefällt, wird durch seine Hand gelingen. (Redner: Der Prophet Jesaja)

Hier spielt  der Prophet Jesaja auf den Bund zwischen Jahweh und Israel an. In diesem Bund (Vertrag) ist Israel eine Verplichtung eingegangen. Bei Nichteinhaltung muss das Volk die Konsequenzen ertragen.                                                                                 5.Mose 30,19-20: Ich rufe heute den Himmel und die Erde als Zeugen gegen euch auf: Das Leben und den Tod habe ich euch vorgelegt, den Segen und den Fluch! So wähle das Leben, damit du lebst, du und deine Nachkommen, indem du Jahweh, deinen MÄCHTIGEN, liebst und seiner Stimme gehorchst und ihm anhängst! Denn das ist dein Leben und die Dauer deiner Tage, dass du in dem Land wohnst, das Jahweh deinen Vätern, Abraham, Isaak und Jakob, geschworen hat, ihnen zu geben.

11. Nach seiner Seele Pein tränkt er sich satt. Durch seine Erkenntnis, macht mein Knecht, der Gerechte viele rechtschaffen, in dem er ihre Verfehlungen selber trug. (Redner: Jahweh)

In diesem Vers weist Jahweh selbst darauf hin, dass die Nationen seine gesunde und gute Lehre durch Israel erkennen werden. Israel wurde ja für einen bestimmten Zweck von Jahweh auserwählt.                                                                                                              2.Mose 19:5-6 Wenn ihr nun wirklich meiner Stimme Gehör schenken und gehorchen werdet und meinen Bund bewahrt, so sollt ihr vor allen Völkern mein besonderes Eigentum sein; denn die ganze Erde gehört mir, ihr aber sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein! Das sind die Worte, die du den Kindern Israels sagen sollst.                                                                                                                              Jesaja 60:3 Und Heidenvölker werden zu deinem Licht kommen, und Könige zu dem Glanz, der über dir aufgeht.                                                                                                     Sacharja 8:13 Und es soll geschehen, wie ihr ein Fluch gewesen seid unter den Heidenvölkern, o Haus Juda und Haus Israel, so will ich euch erretten, daß ihr ein Segen werden sollt. Fürchtet euch nur nicht, sondern stärkt eure Hände!                                Vers 23: So spricht der Herr der Heerscharen: In jenen Tagen wird es geschehen, daß zehn Männer aus allen Sprachen der Heidenvölker einen Juden beim Tzitzit festhalten und zu ihm sagen werden: »Wir wollen mit euch gehen, denn wir haben gehört, daß Gott mit euch ist!                                                                                           Jesaja 2:2 Ja, es wird geschehen am Ende der Tage, da wird der Berg des Hauses Jahwehs festgegründet stehen an der Spitze der Berge, und er wird erhaben sein über alle Höhen, und alle Heiden werden zu ihm strömen.

Die Bezeichnung „gerecht“ wird im Christentum oft fehlinterpretiert. „Gerecht“ bedeutet in der hebräischen Denkweise nicht „sündlos/ schuldlos“ zu sein, was ja kein Mensch von sich behaupten kann. Wenn ein Mensch sich entscheidet Jahwehs Lehre in sein Leben zu integrieren, ist er ein Gerechter. Er wird nach jedem Fehltritt (Ungerechtigkeit, Sünde) umkehren (Reue, Wiedergutmachung) auf den Weg der Gerechtigkeit (Jahwehs Willen).                                                                                                                                                                                12. Deshalb gebe ich ihm seinen Anteil unter den Großen und mit den Mächtigen teilt er die Beute, weil er sein Leben dem Tod preisgab und sich unter die Verbrecher rechnen ließ, wo er doch die Sünden vieler trug und hat sich für ihre Verbrechen treffen lassen (Redner: Jahweh)

Die Worte „die Sünden vieler trug“ beschreiben die Zeit Israels im Exil, wie es den Völkern ausgesetzt war. Es hat nichts mit „Sündenvergebung“ zu tun. Mit „die Verbrecher“ sind die Besatzer gemeint, die Israel gewaltsam knechteten.

Hesekiel 39:10 Man wird kein Holz mehr vom Feld holen und keines in den Wäldern hauen; sondern man wird die Waffen als Brennstoff benützen. Sie werden diejenigen berauben, die sie beraubt haben, und diejenigen plündern, die sie geplündert haben, spricht der MÄCHTIGE Jahweh.

Genauer betrachtet handelt dieser poetische Text weder von einem                     König, einem Messias noch von einem Menschenopfer.

Dieser Text handelt von der Beziehung zwischen dem Schöpfer und dem Volk Israel.  Es geht um die Liebe und Gnade Jahwehs zu Israel.                                                          Somit behandelt Jesaja ein Thema, das sich durch die ganzen hebräischen Schriften durchzieht. Die Fehlinterpretationen entstehen, weil man nicht bedenkt, dass es sich um  eine poetische Sprache handelt, die nicht mit einem Sachbuch zu vergleichen ist. Gerade die Prophetenbücher sind durchzogen von lyrischer Poesie, die mit Metaphern, Personifikationen und anderen Techniken ausgeschmückt sind.

Jeremia 46,27-28: Du aber, mein Knecht Jakob, fürchte dich nicht, und du, Israel, erschrick nicht! Denn siehe, ich rette dich aus einem fernen Land und deine Nachkommen aus dem Land ihrer Gefangenschaft; und Jakob wird heimkehren, ruhig und sicher wohnen, und niemand wird ihn aufschrecken. Fürchte du dich nicht, mein Knecht Jakob, spricht Jahweh; denn ich bin mit dir; denn ich will allen Völkern, unter die ich dich verstoßen habe, ein Ende machen; dir aber werde ich nicht ein Ende machen, sondern dich nach dem Recht züchtigen; doch ganz ungestraft kann ich dich nicht lassen.

Micha 7,15-19: Ich will sie Wunder sehen lassen, wie zu der Zeit, als du aus dem Land Ägypten zogst! Die Heidenvölker werden es sehen und zuschanden werden trotz aller ihrer Macht; sie werden ihre Hand auf den Mund legen, und ihre Ohren werden taub sein.Sie werden Staub lecken wie die Schlange, wie die Kriechtiere der Erde; sie werden zitternd aus ihren Festungen hervorkriechen; angstvoll werden sie zu Jahweh, unserem MÄCHTIGEN, nahen und sich fürchten vor dir. Wer ist so mächtig wie du, der die Sünde vergibt und dem Überrest seines Erbteils die Übertretung erläßt, der seinen Zorn nicht allezeit festhält, sondern Lust an der Gnade hat?

Die Idee, dass Jesus den Knecht aus Jesaja 53 darstellen soll, ist aus dem Kapitel 53 nicht zu entnehmen, dagegen wird das Volk Israel in Jesaja eindeutig als Knecht benannt.

Jesaja 49,3:  Und er sprach zu mir: Du bist mein Knecht, bist Israel, durch den ich mich verherrliche.

 

 

Wurde der Kindermord in Jeremia prophezeit?

Im ersten Evangelium lesen wir, dass in Jeremia schon der Kindermord zu Zeiten Jesus/Jeschuas prophezeit worden sein soll:

Matthäus 2, 16-18: Als sich nun Herodes von den Weisen betrogen sah, wurde er sehr zornig, sandte hin und ließ alle Knaben töten, die in Bethlehem und in seinem ganzen Gebiet waren, von zwei Jahren und darunter, nach der Zeit, die er von den Weisen genau erforscht hatte.
Da wurde erfüllt, was durch den Propheten Jeremia gesagt ist, der spricht: »Eine Stimme ist in Rama gehört worden, viel Jammern, Weinen und Klagen; Rahel beweint ihre Kinder und will sich nicht trösten lassen, weil sie nicht mehr sind«.

Lesen wir jedoch den orginalen Vers (Jeremia 31,15), müssen wir erkennen, dass dieser Vers aus dem Kontext getrennt wurde, um eine Prophezeiung für Jeschua/Jesus zu schaffen.

Und die folgenden Verse danach passten wohl nicht in das Konzept der Autoren des Evangeliums:

Jerimijahu (Jeremia) 31,16-17: So spricht JAHWEH: Halte deine Stimme zurück vom Weinen und deine Augen von Tränen! Denn es gibt noch einen Lohn für deine Mühe, spricht JAHWEH; denn sie sollen aus dem Land des Feindes zurückkehren. Ja, es gibt Hoffnung für deine Zukunft,und deine Kinder werden in ihr Gebiet zurückkehren! spricht JAHWEH.

Um das richtige Verständnis der fälschlich genannten Prophezeiung zu bekommen, sollte man bei Kapitel 29 zu lesen beginnen. Denn genauer betrachtet handelt es sich in Jeremia nicht um eine Prophezeiung,

sondern um das Klagen des Volkes, da es ja von den Babyloniern weggeführt wurde und sich zu diesem Zeitpunkt in der babylonischen Gefangenschaft befindet.

Zerstörung, Tod und zerrissene Familien prägen im Jahre 605 vor der Zeitrechnung die Landschaft Israels, Rama liegt nahe bei Jerusalem, wo die babylonischen Eroberer sicher vorbeigekommen sind. Jeremia hat in dieser Zeit gelebt und die Ereignisse erlebt, deshalb schreibt er ab dem Kapitel 29 einen Brief an die Weggeführten, im Kapitel 31,16 ff spricht er ihnen Mut zu und Worte der Hoffnung, dass dieser Zustand sich ändern wird.

Rahel ist eine der Stammesmütter und steht bildhaft für die Mütter Israels, die ihre verlorenen Kinder beweinen.

Um eine Prophezeiung handelt es sich wenn, dann erst ab Vers 16, denn in den Versen zuvor beschreibt Jeremia den Ist-Zustand und danach gibt er einen Ausblick auf die Zurückführung.

* * * * *

Somit haben wir die drei ersten angeblichen Prophezeiungen aus dem Matthäus-Evangelium (siehe Jungfrauengeburt, der aus Ägypten zurückgeführte Sohn und der Kindermord) überprüft und gesehen, dass sie alle aus dem originalen Kontext gerissen wurden, um auf Jesus/Jeschua angepasst zu werden. Auf diesen wackligen Fundamenten basiert der Mythos um Jesus/Jeschuas Lebensgeschichte.

Ist Jeschua/Jesus der von Mosche „verheißene“ Prophet?

Im Christentum wird gelehrt, dass der untere Vers eine Prophezeiung über Jeschua/Jesus sei.

Debarim (5.Mose) 18,15: Einen Propheten wie mich wird dir JAHWEH, dein Mächtiger, erwecken aus deiner Mitte, aus deinen Brüdern; auf ihn sollst du hören.

Doch wenn man den Kontext der Geschichte genauer betrachtet, sehen wir,

  1. dass Mosche alt ist und das Volk nicht in das Land Kanaan führen wird.
  2. dass das Volk darauf hingewiesen wird, keine Wahrsagerei, Geisterbefragung, Hellseherei und Zeichendeuterei zu betreiben.

JAHWEH versichert den Jisraeliten, dass er ihnen auch nach Mosches Tod einen Führer wie Mosche zur Seite stellen wird und deshalb kann dieser Prophet auch nicht erst tausende Jahre später kommen.
Dieser Führer muss logischerweise nach dem Tod Mosches das Volk weiter führen und somit finden wir die Antwort im Buch Jehoschua.

Jehoschua (Josua) 1,1-2: Und es geschah nach dem Tod Mosches, des Knechtes des JAHWEH, da sprach JAHWEH zu Jehoschua, dem Sohn Nuns, dem Diener Mosches, folgendermaßen: Mein Knecht Mosche ist gestorben; so mache dich nun auf, ziehe über den Jordan dort, du und dieses ganze Volk, in das Land, das ich ihnen gebe, den Kindern Israels!
Vers 5: Niemand soll vor dir bestehen dein Leben lang! Wie ich mit Mose gewesen bin, so will ich auch mit dir sein; ich will dich nicht aufgeben und dich nicht verlassen.
Verse 16-17: Und sie antworteten Jehoschua und sprachen: Alles, was du uns geboten hast, das wollen wir tun; und wohin du uns auch sendest, dahin wollen wir gehen! Wie wir Mose gehorsam gewesen sind, so wollen wir auch dir in allem gehorsam sein; wenn nur JAHWEH, dein Mächtiger, mit dir ist, wie er mit Mose war!

Der Ausspruch Jahwehs zu seinem Volk wurde fälschlicherweise als eine „Prophezeiung“ über einen Messias (König) und speziell Jesus/Jeschua benutzt.

Es ist jedoch einfach JAHWEHs Versprechen an sein Volk, das seinen menschlichen Führer verliert und somit mit Angst, Unsicherheit und Ungewissheit zu kämpfen hat. Und deshalb..

  1. .. erklärt JAHWEH seinem Volk die Kriterien, woran sie einen von IHM beauftragten Propheten erkennen werden.
  2. .. ermutigt und verspricht ihnen, dass er einen Nachfolger Mosches für sie bereitstellen wird.
  3. .. lässt er sein Wort wahr werden durch den Nachfolger Jehoschua/Josua.

Ist Johannes der Täufer der Prophet Elijahu (Elia)?

Es wird im Christentum gelehrt, dass Johannes Elijahu sei, begründet wird dies indem die folgenden Textstellen aus dem Neuen Testament als Erfüllung der Prophezeiung in Maleachi dargestellt werden:

Maleachi 3,22-24: Haltet im Gedächtnis die Torah meines
Knechtes Mose, dem ich am Horeb für ganz Jisrael Ordnungen und
Rechtsbestimmungen geboten habe. Siehe, ich sende euch den Propheten Elijahu, ehe der große und furchtbare Tag des JAHWEH kommt

Matthäus 11,11-14: Wahrlich, ich sage euch: Unter denen, die von Frauen geboren sind, ist kein Größerer aufgetreten als Johannes der Täufer; doch der Kleinste im Reich der Himmel ist größer als er. Aber von den Tagen Johannes des Täufers an bis jetzt leidet das Reich der Himmel Gewalt, und die, welche Gewalt anwenden, reißen es an sich. Denn alle Propheten und das Gesetz haben geweissagt bis hin zu Johannes. Und wenn ihr es annehmen wollt: Er ist der Elia, der kommen soll.

Markus 9,11-13: Und sie fragten ihn und sprachen: Warum sagen die Schriftgelehrten, daß zuvor Elia kommen müsse? Er aber antwortete und sprach zu ihnen: Elia kommt wirklich zuvor und stellt alles wieder her, so wie es auch über den Sohn des Menschen geschrieben steht, daß er viel leiden und verachtet werden muß. Aber ich sage euch, daß Elia schon gekommen ist, und sie haben mit ihm gemacht, was sie wollten, wie über ihn geschrieben steht.

Genauer betrachtet, sind die Aussage aus den oberen beiden Abschnitten  NICHT richtig, denn

  1. in Johannes 1,19-21 sagt Johannes über sich selbst:  Ich bin nicht der Christus! Und sie fragten ihn: Was denn? Bist du Elia? Und er sprach: Ich bin’s nicht! Bist du der Prophet? Und er antwortete: Nein!
  2. in Matthäus 17,3-4 lesen wir: Und siehe, es erschienen ihnen Mose und Elia, die redeten mit ihm. Da begann Petrus und sprach zu Jesus: Herr, es ist gut, daß wir hier sind! Wenn du willst, so laß uns hier drei Hütten bauen, dir eine und Mose eine und Elia eine.

Wenn der Geist Elias schon in Johannes ist, warum erscheint er Jesus/Jeschua und Petrus dann nochmal als „echter Elijahu“?

Auch der Versuch zu erklären, dass der „Geist“ Elijahus in Johannes sei, stimmt nicht mit der Aussage des Propheten überein.

Denn der Prophet Elijahu wurde lebendig in den Himmel aufgenommen und genau darauf wird auch in Maleachi hingewiesen, dass Elijahu als Mensch  wiederkommen wird und KEIN anderer Mensch mit seinem „Geist“.

Wir werden noch weiter auf die Geschichte Elijahus eingehen, die interessanterweise viele Paralellen zu dem Leben Jesus/Jeschuas beinhalten.

Wer ist hier der Sohn?

Matthäus 2,14-15:
Da stand er auf, nahm das Kind und seine Mutter bei Nacht mit sich und entfloh nach Ägypten.Und er blieb dort bis zum Tod des Herodes,
damit erfüllt würde, was der Herr durch den Propheten geredet hat, der spricht: ‚Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen‘.

Laut dem Neuen Testament ist Jeschua/Jesus dieser Sohn, über den der Prophet prophezeite. Doch bei genauer Betrachtung zeigt sich,

  1. dass der Autor des Neuen Testaments nur einen Teil aus dem Satz im Orginal übernommen hat, um seine Aussage zu bekräftigen.
  2. Im Orginal handelt es sich nicht um eine Prophezeiung, sondern um eine „Zusammenfassung“ von Israels Werdegang.

Hoschea 11,1-2: Als Israel jung war, liebte ich ihn, und aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen. Aber sobald man sie rief, wandten sie sich vom Angesicht der Rufenden ab. Den Baalen opferten sie, und den Götzenbildern räucherten sie.

Auch an diesem Beispiel sehen wir, wie Satzteile herausgenommen werden, um sie einer neuen Theologie anzupassen. Der ursprüngliche Kontext hat nichts mit einem Jeschua/Jesus zu tun.